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Angsthase

Oftmals werden umgangssprachliche Begriffe in unserer Sprache unhinterfragt verwendet. Ein perfektes Beispiel: Der Angsthase als flüchtendes Beutetier. Doch eigentlich sind wir alle tagtäglich «Angsthasen».



Ein Angsthase ist umgangssprachlich ein Feigling, ein Drückeberger oder eine Memme. Und von Angsthase wird gesprochen, weil der Hase als Beutetier eher auf Flucht vor Feinden setzt als auf Angriff zu gehen.


In der Spieltheorie werden diese beiden Möglichkeiten – ausweichen oder auf Angriff gehen – im sogenannten Feiglingsspiel (englisch Chicken Game) wissenschaftlich behandelt.

Die Spieltheorie befasst sich mit den Entscheidungsverhalten in sozialen Situationen mit Konfliktpotenzial und unterstellt dabei rationales Verhalten. Das heisst, die beteiligten Akteure entscheiden ihren Präferenzen entsprechend, um den persönlichen Nutzen maximal zu steigern.

Beim Feiglingsspiel wird beispielsweise modelliert, dass zwei Autofahrer direkt aufeinander zu fahren und nun zwei Entscheidungsmöglichkeiten haben: Sie weichen aus und werden als Angsthase bezeichnet oder sie weichen nicht aus und bestehen die Mutprobe.

Der Preis der zweiten Variante - nicht auszuweichen - ist sehr hoch, da der Zusammenprall zum Tod führt.

Modell vs. Realität

Das Feiglingsspiel wirkt auf den ersten Blick sehr fatalistisch und übertrieben. Doch wie realitätsnah ist dieses Modell denn eigentlich?

Unser Leben ist geprägt von Unsicherheiten, denen wir mit Gewohnheiten und angepasstem Verhalten begegnen. Für die Kontinuität unserer Gesellschaft erwarten wir ein gewisses Verhalten von den Mitmenschen und verhalten uns gleichermassen mehr oder weniger erwartungsgemäss. Über den sozialen Status anhand von äusseren Zuschreibungen (Geld, Auto, Haus) ordnen wir uns dann innerhalb dieser gesellschaftlichen Konventionen ein.

Das beschriebene Modell bezieht sich nun auf Situationen, die ausserhalb dieser Gewohnheiten und Angepasstheit passiert, sobald wir z.B. in unserem sozialen Status bedroht werden. Dann stehen wir vor der gleichen Entscheidung wie ein Hase: Angriff oder Flucht?

Beim Personalbeurteilungsgespräch mit der Führungskraft, wenn wir ein Feedback bekommen, das wir nicht nachvollziehen können – sprechen wir das an oder lassen wir es sein? Welchen Preis hat das Ansprechen? Welchen Nutzen hat das Ausweichen (also nicht ansprechen)?

Am Sonntagnachmittag, wenn unser Partner oder unsere Partnerin einen Ausflug machen möchte, uns aber vielmehr nach Lümmeln auf dem Sofa ist – gehen wir auf den Ausflug (ausweichen) und mindern somit unseren Nutzen oder weigern wir uns (Angriff) und gefährden die sonnige Sonntagsstimmung in der Beziehung?

Wir stehen also in vielen Situationen vor Entscheidungen, die uns als Angsthase dastehen lassen könnten. Wobei uns dabei kaum jemand als Angsthase bezeichnen würde.

«Angsthasen landen selten in der Pfanne.»

Thomas S. Lutter (1962)

Andere Denkweise

Vielleicht sollten wir also mehr hinterfragen, ob der Begriff Angsthase berechtigterweise so verwendet wird. Genauso könnte es auch Angstmensch heissen. Denn wir gehen öfters den einfacheren Weg und weichen aus, als unsere persönliche Situation und die Stabilität in der Gesellschaft zu gefährden. Verhält sich plötzlich jemand anders, als es sein Umfeld erwartet, löst das eher Irritation als Verständnis aus. Das auszuhalten, braucht Willenskraft und Überzeugung des eigenen Tuns, letztlich also genau kein Angsthase zu sein. Diesen Weg zu gehen, braucht viel mehr Energie als im gewohnten Verhalten zu bleiben – für uns selbst und für unsere Mitmenschen.

Doch wie oft schauen wir zurück und hadern mit unseren Entscheidungen?

Wie oft ergründen wir, weshalb wir welche Entscheidung getroffen haben?

Auch hier wählen wir wahrscheinlich (zu) häufig den Weg des Ausweichens, ohne uns selbst herauszufordern. Also frag Dich doch mal, in welchen Situationen Du vielleicht ein Angsthase bist und wie bewusst Du das so für Dich selbst entschieden hast. Und frag Dich dann auch, ob dieses (un)bewusste Verhalten Deinen Vorstellungen entspricht – Du also Deinen persönlichen Nutzen in Abwägung der allfälligen Konsequenzen optimiert hast. Und dann wünschen wir uns, dass viele von euch mit einem bestimmten «Ja» antworten können. Und denjenigen mit einem «vielleicht» oder «nein» haben wir nun hoffentlich ein wenig Mut gemacht, weniger Angstmensch zu sein und auch mal aufs Ganze zu gehen – ohne Ausweichen.


Was denkst Du dazu? Wir sind gespannt auf Deinen Kommentar!


#Spieltheorie #Angsthase #Entscheidung


Interessiert Dich das Thema? Dann wirf einen Blick ins Buch «Der kleine Angsthase» von Elizabeth Shaw

ISBN: 978-3-407-77081-3

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